Herzsteine (Hanna Jansen)

Inhaltsangabe

Der übereilte Umzug aus der Großstadt Hamburg nach Sylt verändert im Leben des 16-jährigen Samuels alles. Als seine Mutter auch noch immer entfremdeter wird, bemerkt er, dass in der Ehe der Eltern etwas nicht stimmen kann. Doch ein introvertiertes Schweigen liegt über der ganzen Familie. Dann begegnet Sam Enna, mit welcher er über alle Probleme reden kann und zu welcher er sich auch hingezogen fühlt. Um aber nun Antworten auf alle Fragen zu finden, muss er in die Ferne reisen, in das Land Ruanda, das Heimatland der Mutter.

Samuels Mutter stammt aus Ruanda, sein Vater ist aus Deutschland. Die Familie lebt in Hamburg, bis es seine Mutter hier nicht mehr aushält. Dies hat etwas mit den traumatischen Erlebnissen beim Völkermord in Ruanda zu tun, bei welchem ihre Familie getötet worden ist. Daher kommt sie vor allem mit den vielen Menschen in der Großstadt nicht zurecht und wird zunehmend depressiv. Daher beschließt die ganze Familie, für ein Jahr auf die Insel Sylt zu ziehen, wo Sams Vater, welcher ein Arzt ist, für dieses Jahr die Praxis des Kollegen weiterführen kann.

Für Sam ist dieser Umzug nach Sylt ein echter Schlag, weil er alle Freunde hierdurch verliert. In seiner Klasse aber interessieren sich die meisten Mädchen für ihn, allerdings möchte er mit ihnen nichts weiter zu tun haben. So freundet er sich mit Enna an, welche niemand in seiner Klasse mag. Dies ist so, weil deren Mutter als Wunderheilerin einen undurchsichtigen Ruf hat. Enna und Sam kommen sich schnell näher und werden recht schnell ein unzertrennliches Paar.
Zum Glück ist Sam, dessen Mutter vor Jahren vor dem Völkermord aus der afrikanischen Heimat floh, auf der neuen Inselschule nicht der einzige Exot. Die Mitschülerin Enna, zu welcher er sich sehr hingezogen fühlt, ist ebenfalls merkwürdig und wird von den Mitschülern mit demselben Argwohn betrachtet.

Als dann im Herbst die rasenden Nordsee-Stürme beginnen, ist die Mutter von Sam eines Abends verschwunden. Da sich Sam und sein Vater aber große Sorgen machen, rufen so die Polizei, welche sich des Verschwindens der Mutter aber nicht weiter annimmt. Am späten Abend ruft Ennas Mutter an und sagt, dass die Mutter von Sam bei ihr ist. Von dieser Begegnung mit Ennas Mutter kehrt die Mutter von Sam dann völlig verändert zurück. So teilt sie ihrem Mann und dem Sohn mit, dass sie sofort nach Ruanda zurückkehren möchte. Sam und der Vater besuchen sie dann in den kommenden Ferien für zwei Wochen.

Das Buch stellt vor allem die Frage, welche Auswirkungen den Müttern und Vätern widerfährt und welche Auswirkungen dies auch auf die Kinder hat. Wie sieht nun auch das Leben der Nachgeborenen und der Überlebenden in Afrika aus? Jene Aspekte werden von Generation zu Generation weitergetragen und finden zumeist unbewusst den Niederschlag, welcher alle Menschen prägen kann.

„Herzsteine“ ist ein mehrschichtiges Buch, welches gleich mehrere Themen aufgreift. Hierin geht nicht nur um das Land Afrika und Ruanda, sondern auch um solche Themen wie Ausgrenzung und Beziehungen. Auch das Thema Ruanda wird wegen des Aufbaus des Romans sehr abwechslungsreich dargestellt. Ein Grund hierfür liegt in der einsichtsvollen Anlage des Buches. So beginnt die Geschichte in Deutschland und stellt hierbei dar, welche Folgen die schrecklichen Erlebnisse von Sams Mutter für die ganze Familie haben können. Die Mutter kommt mit der Vergangenheit nicht zurecht und zieht sich entsprechend zurück, kann aber über diese Erlebnisse nicht wirklich sprechen und lässt am Ende weder ihren Sohn noch den Ehemann an sich selbst heran. Außerdem verschlimmert sich der Zustand von einem Jahr zum anderen.

Das Buch von Hanna Jansens ist in zwei Teile eingeteilt. So trägt die erste Hälfte sich in Deutschland zu und beschreibt hier den Umzug von Sams Familie und die Orientierungslosigkeit des Jungen auf Sylt, welche dann erst durch Enna angehalten werden kann. Von Anfang an sind in diesem ersten Teil auch kursiv gedruckte Textpassagen zu finden, in welchen die Mutter von ihrem einstigen Leben in Großbritannien und Ruanda erzählt, wohin diese dann ausgewandert war. Wie der Leser dann später erfährt, entstammen jene Passagen einem Gespräch, welches Sams Mutter kurz vor ihrer Flucht aus Ruanda mit dem Sohn führt.

Die zweite Hälfte des Buches erzählt dann von der Abreise Sams und des Vaters nach Ruanda. Für Sam selbst ist diese fremde Welt des afrikanischen Staates anfangs sehr verwirrend, doch nach und nach kann er sich hier zurechtfinden. Auch in diesem Buchteil gibt es kursive Texteinschübe, aber hierbei handelt es sich um Tagebuchaufzeichnungen für Enna, in welchem Sam die Erlebnisse in Ruanda beschreibt. So wird hier also nicht einfach nur geradlinig die Handlung erläutert, sondern hierbei wird einerseits die Vergangenheit der Mutter Sams thematisiert, andererseits ist auch viel Platz fürs Sams Gedankengänge.

All das macht diesen Roman für Jugendliche aus Deutschland und aus Europa gut zugänglich. So ist Sam ein typischer Junge, welcher in Deutschland aufwuchs und auf diese Weise Stück für Stück viel über das Land der Mutter und den schrecklichen Taten dort erfährt. Daher wird auch der Leser findig auf eine Entdeckungsreise mitgenommen, ohne hierbei überfahren oder gar überfordert zu werden.

Der Schreibstil der Autorin in diesem Roman ist eventuell manchmal etwas sperrig, was in erster Linie daran liegt, dass die Passagen Sams als Erzähler im Präsens verfasst sind. So kann es hier den Leser am Anfang ein wenig irritieren, mit steigender Lesedauer aber stört dieser Aspekt dann nicht mehr.
„Herzsteine“ ist ein Roman über das Land Afrika, was hier besonders positiv auffällt. Der Leser merkt, dass die Autorin Hanna Jansen mit dieser Thematik sehr gut vertraut ist. Mit dem eigenen Mann hat sie viele afrikanische Kinder bei sich aufgenommen und diesen ein sicheres Zuhause gegeben. Dies beschreibt sie auch auf ihrer Webseite. Sie kennt daher einerseits mit Sicherheit die Probleme der Menschen, welche in Afrika geboren und auch hier aufgewachsen sind, weiß auf der anderen Seite jedoch auch von ihren eigenen Reisen sehr viel über das Land Afrika. Dass sie diese Erfahrungen in einem Roman für Jugendliche unterbringt, macht dieses Buch besonders glaubwürdig.

„Herzsteine“ ist ein wirklich sinnvolles Buch, welches nicht nur eindimensional ist und auch nicht mit Klischees auf das Land Afrika schaut, sondern ein kompliziertes Thema virtuos und auch gekonnt aufgreift.

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